Samstag, 19. Januar 2008

Intercultural (Communication) Problems

Hallo,

endlich mal wieder ein Lebenszeichen von mir...
Da wir diese Woche hauptsächlich am Schreibtisch verbracht haben, gibt es dieses mal keine Bilder, sondern einen Bericht darüber, wie gut Teamwork funktioniert - oder auch nicht.

Es handelt sich wieder um besagten Japanese Management-Kurs, von dem ich schon mehrmals berichtet habe. Ich hatte mit meiner Gruppenzusammensetzung wie immer Glück, drei mal hintereinander Gregor und eine ständig wechselnde Drittbesetzung. In diesem Fall war es Grace aus China.

Vielleicht sollten ich erst mal schildern, wie die erste Präsentationsrunde abgelaufen ist: Europa und Amerika haben ihren Vortrag (halbwegs) auswendig gelernt, Folien mit Stichworten erstellt, nur einen Stichwortzettel dabei und präsentieren stehend. China hingegen hatte den kompletten Text auf die Folien kopiert, saß vor der Klasse, hat den Vortrag komplett abgelesen und alle vier haben zum ersten Mal in ihrem Leben Powerpoint benutzt.

Natürlich haben die Chinesen gemerkt, dass sich ihre Art zu präsentieren ein wenig unterscheidet und beim nächsten Mal wurde im Stehen präsentiert, die Folien hatten weniger Text und man erkannte auch nicht mehr sofort, dass nur copy und paste mit Wikipedia betrieben wurde. Trotzdem hat es ein Chinese geschafft für seinen Teil der Präsentation eine eigene Präsentation mitzubringen, die Präsentation seiner Teammitglieder zu schließen und seine eigene zu benutzen - was natürlich stark kritisiert wurde.

Grace hat sich die Kritik des Professors nach der ersten Präsentation sehr zu Herzen genommen, an ihrer Aussprache gefeilt, so weit wie möglich frei gesprochen und sich wirklich sehr verbessert. Deshalb war ich auch sehr froh, dass sie uns für die dritte Präsentation zugelost wurde. Weniger Glück hatte da unser Amerikaner. Nun beginnt auch endlich die Geschichte. Und zwar damit, dass er in den vergangenen Wochen sehr krank gewesen ist und erst ab Donnerstag wieder in der Lage war, sich mit seinen chinesischen Gruppenmitgliedern zu treffen. Die Präsentation war für Dienstag angesetzt. Die Vorschläge Freitag, Samstag und Sonntag wurden von China nicht angenommen, also verabredete man sich für Montag um 12. Knapp, aber zu schaffen. Montag um 11.15 (ich war live dabei) klingelt das Telefon und sein chinesisches Gruppenmitglied war am anderen Ende der Leitung. Er müsse sich wegen einer anderen Präsentation treffen und das dritte (chinesische) Gruppenmitglied sei spontan nicht in Oita. Er würde sich um seinen Teil kümmern, der Amerikaner habe das Layout zu machen und man könne das ja in den 20 Minuten vor der Stunde zusammen fügen. Zufällig stellte sich noch heraus, das zwei Leute das gleiche Thema bearbeiteten. Der Frust auf amerikanischer Seite war natürlich groß, die Aussicht auf eine Nachtschicht weniger verlockend. Dies versuchte er, nachdem die erste Wut verflogen war, dem Chinesen noch einmal mitzuteilen. Doch die Anrufe wurden von 12.00 bis 22.30 ignoriert. So geht man in China, aber auch Japan Probleme an: man ignoriert sie - in der Hoffnung auf Besserung?!?

Kleiner Exkurs: als wir Ende Oktober beim Aso waren, haben wir uns über das Essen im Restaurant beschwert (ja, macht man eigentlich nicht, aber es war wirklich ungenießbar). Die Kellnerin hörte uns zu, ging weg und kam nie wieder. Das nenne ich Konfliktbewältigung.

Weiter im Text. Um 22.30 klingelte das Telefon des Amerikaners, am anderen Ende war China und es begann ein wehmütiger Vortrag darüber, wie schlecht das Gewissen doch sei und dass der Amerikaner ihn doch bitte nicht hassen möge. Ihm wurde verziehen. Vorher waren aber bereits schon Beschwerdemails an den Professor geschickt worden, da während der ersten Präsentationsrunde im November schon ähnliche Schwierigkeiten aufgetreten waren. In einer Nachtschicht wurde dann noch am Inhalt gearbeitet, am nächsten Tag vor der Vorlesung sollte das Layout angepasst werden.

Nächster Tag: Während wir (Deutschland und China) schon im Klassenraum saßen, musste Amerika noch den Raum wechseln. Der Professor betrat den Raum und begann ein Gespräch mit den chinesischen Gruppenmitgliedern. Er hätte eine Email des Amerikaners bekommen und würde sich ernsthaft Sorgen machen. Verblüffte Gesichter auf chinesischer Seite, damit hatten sie wohl nicht gerechnet. Ob die Präsentation denn fertig sei? Natürlich! Die habe er (China) fertig gemacht, ausgedruckt und dabei. Der Professor war zufrieden und Deutschland platzte fast der Kragen. Das einzige, was China vollbracht hatte, war eine Präsentation mit unvollständigem Layout auszudrucken und dann jetzt dafür die Lorbeeren zu kassieren.

Die Präsentation hatte in der Fußzeile noch den Titel "Financial Markets", da China nicht so recht wusste, wie er die Fußzeile entfernen kann, hat er versucht sie mit einem Textfeld unkenntlich zu machen, hat aber leider die Farbe nicht so ganz getroffen und es fiel noch stärker auf als vorher. Irgendwann verging ihm die Lust und die falsche Fußzeile tauchte wieder auf. Außerdem war ihm rätselhaft, wie er die Agenda auf die neuen Folien kopieren kann, also hatten sie einfach mal keine.

Vor der Präsentation ereignete sich noch ein weiteres, interessantes Gespräch. Unser chinesisches Gruppenmitglied machte uns darauf aufmerksam, dass der Amerikaner dem Professor doch ruhig mitteilen solle, dass man aufgrund seiner Krankheit die Treffen immer wieder absagen musste, dafür würde der Professor bestimmt Verständnis zeigen. Große Fragezeichen auf unseren Gesichtern, diese Variante der Geschichte war uns neu. Die Chinesen hätten ihr erzählt, dass der Amerikaner die Treffen wegen Krankheit immer abgesagen musste. Aha, aber die Chinesen sind doch einfach nicht zu den Treffen erschienen, merkten wir an dieser Stelle an. Eine kurze Nachfrage unserer Chinesin im chinesischen Gegenlager führte zu verschämten Blicken und einer längeren Diskussion. Schließlich kam von unserer Chinesin ein kurzes und knappes "Ihr habt Recht". Die Situation war ihr sichtlich unangenehm und auch das chinesische Gegenlager guckte beschämt aus der Wäsche.

Während der Präsentation sollte jedes Teammitglied fünf Minuten reden, besagter Chinese hat es immerhin geschafft seinen Gesprächsdrang von zehn Minuten in der zweiten Runde auf acht Minuten in der Präsentationsrunde der letzten Woche zu reduzieren. Trotzdem hatten seine Teammitglieder natürlich Probleme, ihre Stichpunkte loszuwerden.

Probleme dieser Art entstehen, wenn Asiaten versuchen ihr Gesicht zu wahren. Oft verschlimmert sich die Lage dadurch jedoch nur noch mehr. Wir wissen jetzt wohl, wovon wir sprechen. Anmerkung zum Schluss. Der vierte Chinese in der dritten Gruppe hatte wieder seine eigene Präsentation dabei.

Natürlich darf man hier nicht von unseren Chinesen auf alle Chinesen schließen, aber es ist in Oita schon auffällig, dass Sachen wie frei Sprechen oder die Bereitschaft/Fähigkeit im Team zu arbeiten auf chinesischer Seite kaum vorhanden sind bzw. beigebracht wurden. Am nächsten Tag wurde ich übrigens zufällig "Ohrenzeuge", wie der Chinese, der so gut Anrufe ignorieren kann, erzählte, dass er auch für Stanford angenommen wurde.

Mehr zum Thema kulturelle Unterschiede: Dienstag hatten wir ein längeres Gespräch mit einem Mädel aus Hong Kong und irgendwann drehte sich das Thema um den Markenwahn der Asiaten. Europäische Marken sind hier ein Muss.

Hier ihre Sicht der Dinge:
Wer in Hong Kong auf die HighSchool wechselt, der braucht eine Tasche von Gucci. Dafür haben Asiaten alle mehrere Jobs, von einem Monatsgehalt können sie sich dann umgerechnet eine Tasche leisten. Sie selbst mag Gucci und Burberry, Louis Vuitton eher weniger, das ist was für ältere Frauen. In Hong Kong verdient sie 400 Yen pro Stunde, in Oita 650 Yen, das Geld wird komplett für europäische Nobelmarken ausgegeben, die in Asien natürlich deutlich teurer sind. Gefälschte Produkte können sie übrigens sofort von echter Ware unterscheiden.
Von ihrem nächsten Monatsgehalt will sie sich einen Burberry-Schal kaufen. Muss ich mich hier mit meinem simplen Rucksack und Schal von Uniqlo schämen? ;-)

Warum sind Asiaten so versessen auf europäische Marken? Westlich zu sein wird als in angesehen. Darüber hat Gregor ein gutes Video gefunden, sehet selbst:
http://de.youtube.com/watch?v=UDi_66L1B3s

Ebenfalls diese Woche habe ich in Japanisch mit Grace Übungen gemacht. U.a. mussten wir Fragen über das Herkunftsland des Anderen stellen. Ihre Frage: Musst du in Deutschland in deinem Wohnheim zu einer bestimmten Zeit zuhause sein? Ich dachte erst, dass ich sie mit meinem mangelhaften Japanisch nicht verstanden habe, hatte ich aber doch. Verwunderte Blicke, daraufhin ihre Erklärung: ich muss bis 22 Uhr in meinem Zimmer sein (übrigens ein Achterzimmer), sonst werde ich bestraft.

Andere Länder, andere Sitten.

Hier in der Ferne wird mir doch mal wieder bewusst, wie gut es mir eigentlich in good old Germany geht. Wir werden zu eigenständigen Wesen erzogen, die auch ruhig selbst denken dürfen. Unsere Chinesen waren größtenteils noch nie in Kneipen, denn dort trinkt man Alkohol und tut böse Dinge.

Ich wünsche euch noch ein schönes Wochenende!
Vera

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